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Spüren und Berühren – das Öl-Ritual

Für uns ist das Öl-Ritual eines der tiefgehendsten und wichtigsten Rituale in unserer Arbeit. Wir bieten es jährlich als Seminar im ZEGG an. Auch in 2009, vom 9.-11.Oktober.

Ich möchte einen älteren Text im Blog veröffentlichen, der die Erfahrungen mit dem Öl-Ritual illustriert. So kann man sich vielleicht vorstellen, was in einem solchen Raum passiert.

„Stell dir vor, du gehst, nur mit einem Tuch bekleidet, langsam, Schritt für Schritt eine Treppe hinunter. Auf jeder Stufe dieser Treppe steht eine Kerze. Sonst ist es dunkel. Andere gehen vor dir, hinter dir. Ihr seid etwa fünfzehn.
Jetzt kommt ihr in einen Vorraum. Du erhältst jetzt die Anweisung, dein Tuch auch noch abzulegen, und betrittst den Raum, in dem das Ritual gleich stattfindet. Hier ist es fast vollständig dunkel. Deine nackten Füße gehen auf einer rutschigen Plastikplane. Es ist sehr warm. Du wirst zu den anderen geführt und neben sie gelegt. Ihr liegt da, in zwei Reihen, wie Ölsardinen. Dicht aneinander, warm, kuschelig.
Jetzt kommt eine kleine Entspannungsübung. Du atmest tiefer und wirst ganz ruhig. Du weißt, was dich erwartet, hast in einem rituellen Raum vor einer Stunde deine Hoffnungen, Ängste und Erwartungen ausgesprochen und alle Gedanken ins Feuer abgegeben. Weißt, dass es jetzt nicht um dich geht und deine Geschichte, sondern um die reine Erfahrung des Moments, um ein künstlerisches Event, in dem du das Material bist.
„Ihr seid Stein“ wird da gesagt, und eine kristalline Musik ertönt. „Altes Gestein, jahrmillionen alt“ Ein warmer Regen wird angekündigt. Plötzlich fallen Tropfen auf dich. Warme, angenehme Tropfen. Du erkennst, dass es warmes Öl ist, das auf dich und die anderen prasselt, geschüttet von den Helfern des Rituals. Immer mehr von diesem sich unglaublich angenehm anfühlenden Naß prasselt auf dich nieder, du merkst, wie deine Zellen erwachen, wie du Lust kriegst, dich zu bewegen, dich zu berühren, an andere zu schmiegen, dich an ihnen zu reiben.
Der Leiter führt dich jetzt durch eine Phantasiereise. Die Augen musst du immer geschlossen halten, wegen des Zaubers der Trance, aber auch, um kein Öl in die Augen reinzukriegen, was unangenehm sein kann. Es kann sein, dass du dich plötzlich in eine Schlange verwandelst, die um die anderen herum, drunter und drüber glitscht und gleitet. Oder in Delphine, die zusammen spielen. In warmblütige Säuger, die Berührung genießen und spielerisch weiterwandern.

Alles ist erlaubt: Sinnlichkeit, Genuss und Gleiten: langsam, schnell, drüber und drunter. Es ist nur verboten, übergriffige sexuelle Handlungen zu tun, und zu lange bei einer Person zu verweilen. Am Rand passen die Helfer auf und schieben dich sanft wieder in die Menschenmasse. Du bist nur noch Teil eines pulsierenden vielzelligen Organismus, der eigenen Regeln folgt: Phasen der Ruhe, der Sinnlichkeit und des Chaos wechseln sich ab. Du spürst überall um dich herum andere. Nackte Haut, soviel du willst und mehr als du je hattest. Die Tastzellen deiner Haut werden wach und fangen an, zu vibrieren. Es ist ein Universum, das dir noch unbekannt war: du musst die richtigen Bewegungen lernen, wo du drüber gleiten kannst, wann es besser ist, still zu liegen und wie man sich inmitten von Leibern entspannen kann. Musik erklingt von irgendwo und ändert sich je nach Stimmung und die Worte der Leiter verschwimmen mit Bewegung in einem großen chaotischen Mutterschoß. Du treibst in einem Meer der Sinne und lässt dich treiben, und es ist nicht mehr nötig, irgendwas zu wollen, weil dir in diesem Schlaraffenland alles erfüllt wird.
Nach etwa einer Stunde, es ist nicht mehr wichtig, wer du bist, wo du herkommst, ist das Ritual zu Ende. Du darfst dich setzen, langsam die Augen öffnen, oder darfst auch noch liegen bleiben und die Wärme an Deiner Haut nachspüren. Im Dämmerlicht erblickst du glückliche nackte Menschen, die mit dir dieses Event gefeiert haben. Vielleicht umarmt ihr euch und feiert zusammen zu der Musik, die jetzt noch da ist. Oder du probierst noch die Regeln der Fortbewegung in einem glitschigen Medium aus. Oder du ziehst es vor, jetzt zu meditieren, den Moment noch mal voll in die Präsenz zu rufen. Riesenmengen von Küchenpapier werden gereicht, damit ihr euch wenigstens provisorisch von dem Öl befreien könnt. Es kommt zu witzigen Spielen zwischen manchen Teilnehmern. Die meisten von euch werden sich in der Dusche wiedersehen. Das Öl aus den Haaren rauszukriegen ist nicht immer einfach.
Und dann wirst du merken: deine Zellen sind satt!! Du kennst dieses Gefühl von völliger tierischer Wohligkeit vielleicht schon, aber es ist da, dieses Alles-ist-Gut-Wie-Es-Ist-Gefühl. An diesem Abend ist dann Ruhe angesagt, Stille, allein, zu zweit, zu mehreren, denn das ist tiefgegangen.

Was wir uns hier vorgestellt haben, gibt es wirklich: eine Innenansicht der tantrischen Kunstform der Ölaktion. Hintergrund ist der Wiener Aktionismus, eine wilde und verwegene Kunstrichtung im Wien der Sechziger Jahre, in denen es drum ging, persönliche Begrenzungen durch künstlerische Aktion zu verändern und zu sprengen. Da kam zum ersten Mal die Idee auf, warmes Öl und eine Gruppe von Menschen zu einem Kunstevent zusammenzubringen. In den achtziger Jahren hatte der Aktionskünstler Happy Faller im Rahmen seines spirituellen Weges die Intuition, Kunst, Eros und Heilung auf diese Weise zusammenzubringen. Er kreierte mit einigen eine Reihe von Ölaktionen, so die Geburtsaktion, wo ein einzelner seine eigene Geburt im Öl wieder durchleben kann, oder „Evolution“, wo man am eigenen Leib die ganze evolutionäre Matrix erfährt.
Als ich mit der Aktion in Berührung kam, war ich tief ergriffen und erkannte, dass hier ein eigener westlicher Zugang zu tantrischen Mysterien geschaffen wurde, der die Tantra-Erfahrung verdichten und vertiefen kann. In unserem Institut kann man im Rahmen von speziellen Wochenendworkshops und Jahresgruppen jetzt auch „ins Öl“ und sich ein ganz besonderes persönliches Highlight gönnen.“

In den letzten Jahren haben wir das Öl-Ritual noch erweitert und ausgebaut. Wir verbinden es mit einem ein ganzes Wochenende dauernden Raum von Langsamkeit, Entspannung und Meditation, einem ausfüßhrlichen Nachklingen und Integrieren der Aktion und einer Reflexion der Erfahrungen am nächsten Tag. Das führt dazu, dass Menschen noch tiefer in diesen Space einsteigen können und für sich noch mehr an Erfahrung herausholen.

Info und Anmeldung: http://www.secret-of-tantra.de/termine.phtml

Geschrieben von

Veröffentlicht unter: Silvio

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