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Tantra-Maithuna-Ritual

Ich bin euch noch den Artikel in der Connection-Sommerausgabe 2010 “schuldig”, die Beschreibung eines tantrischen Rituals, wie wir es manchmal mit fortgeschrittenen Teilnehmern durchführen.

Maithuna- die große Vereinigung
Ein Tantra-Ritual

Die Teilnehmer sind alle Absolventen unseres Jahrestrainings und haben dort die verschiedenen Stufen und Übungen durchlaufen. Sie haben gelernt, längere Zeit in Meditation zu sitzen und innerlich still zu sein. Ihr Körper ist durch Yoga-Übungen gestärkt und geschmeidig geworden, ihr Energiesystem durch Pranayama durchlässig. Sie haben mit Hilfe therapeutischer Techniken  ihre Schatten angeschaut und einige davon auflösen können.
Um uns hat sich den letzten Jahren eine Gruppe von fortgeschrittenen Tantra-Praktizierenden gesammelt, die sich mit uns z.T. auch ohne uns mehrmals im Jahr trifft.  Diesmal haben wir uns zu einem tantrischen Retreat verabredet, in dem es um die Kraft und Magie der Rituale geht.
Nach reichlicher Vorbereitung, langen Meditationseinheiten sind wir alle im Herzen zentriert, ausgeruht und gereinigt und entschlossen, ein Maithuna-Ritual nach klassisch indischem Vorbild zu feiern. In den tantrischen Schulen der Kaulas und Shaktas feiert man regelmäßig ein Ritual in der Gruppe, in denen die so genannten 5 M genutzt werden: madya, Wein; mamsa, Fleisch; matsya, Fisch; mudra, geröstetes Getreide und maithuna, rituellen Geschlechtsverkehr. Diese Substanzen, so wird gesagt, sind alle Tabus der traditionellen vedischen Spiritualität. Die Tantriker pflegen in einem heiligen Akt diese Tabugrenzen und damit die Grenzen der Konditionierung zu überschreiten, um so in die Nicht-Dualität vorzustoßen, die kennzeichnend für die tantrischen Lehren ist.
Erst nach Jahren habe ich über den Umweg der buddhistischen Tantra-Lehre den tieferen Sinn dieses Rituals verstanden. Es geht hier nicht in erster Reihe um den Tabubruch. Die Substanzen symbolisieren die Elemente, aus denen unser Körper gemacht ist: Wein steht für die Luft, Fleisch für das Feuer, Fisch für das Wasser und Getreide für das Element Erde. Sex wird dem fünften indischen Element Raum zugeordnet.

Im Ritual ist es dem Tantriker gestattet, sich selbst als Gottheit, als Shakti und Shiva, zu verkörpern. Dieser Gottheit, dem höheren Selbst in uns, opfern wir die Aggregate unseres niederen Selbst, könnte man vereinfacht sagen. Deswegen soll bei diesem Ritual nicht der gewöhnliche Genuss der Speisen, des Weins und der Lust im Vordergrund stehen, sondern soll der Genuss uns über unsere gewöhnliche Person hinausführen.
Mit anderen Worten: zum tantrischen Ritual soll niemand aus Bedürftigkeit kommen, oder aus rein sexuellem Interesse. Es ist eine Art Gottesdienst, bei dem Gott und Göttin in uns selbst gehuldigt wird.  In unserem inneren Kern, so die Tantras, sind wir  nämlich tatsächlich Shiva-Shakti, sind wir göttlicher Natur. Die verschiedenen Schichten der Persönlichkeit können das nur überlagern, so wie Wolken die Sonne verdunkeln. Der Kern aber ist immer rein. Und im tantrischen Ritual wird einfach mal der Kern in den Mittelpunkt gerückt und nicht die ganzen Zwischenschichten des Ego.

Mara und ich leiten das Ritual an. Wir sitzen im Zentrum und werden uns dort vereinigen. Hier in der Mitte spürt man sehr viel, auch die Schatten. Wir können das nur von hier aus leiten, weil wir unseren Schülern und Teilnehmern sehr vertrauen.
Sechs Paare haben sich zusammen gefunden. Vier davon sind auch im weltlichen Leben ein Paar, die anderen beiden sehen sich als „tantrische Sparringspartner“.
Ich kenne Tantralehrer, die der Ansicht sind, es sei besser, wenn die tantrischen Paare sich im weltlichen Leben nur flüchtig kennen, damit sich ihre Beziehungs-Story nicht in das Ritual einmischt. Ich kann diese Bedenken verstehen, und bin dennoch anderer Meinung. Ich glaube, dass es für ein gutes Ritual nötig ist, dass eine bestimmte Vertrautheit da ist, allein deswegen, weil Kondome, aus Gesundheitlichen Gründen unerlässlich, beim tantrischen Energiefluss nun doch sehr stören. Paare, die sich lieben, können im Sex einfach ein stärkeres Energiefeld aufbauen und mehr Harmonie erzeugen. In letzter Instanz kann man das sicher mit jedem, aber dazu muss man auf der Stufe eines Tantra-Meisters sein. Und das sagen die Schriften klar: es ist nicht das hehrste und höchste Ziel im Tantra, mit jedem Sex zu haben.
Zum zweiten ist Eifersucht, wenn der Partner sich gerade mit jemand anderem vereinigt, trotz tantrischer Vorbildung oft dann doch noch ein starker Störfaktor. Dann haben wir eine psychologische Grenzerfahrung und kein spirituelles Ritual.
Vielleicht werden wir irgendwann ein Ritual feiern, in der sich jede Shakti aus der Gruppe mit  jedem Shiva vereinigt, offenen Herzens und ohne Zweifel. Aber da steht selbst diese Gruppe noch nicht.

Wir haben uns nun nach traditionellen Vorgaben gereinigt, einen Schutzkreis visualisiert, störende Einflüsse gebannt und gute Energien angerufen. Es gibt eine universelle Grammatik für magische Rituale quer durch alle Kulturen, und es macht mich schon glücklich, da einzutauchen. Die vertrauten Worte, die Formeln, die Mantras – ich spüre, heute sind alle innerlich dabei.
Wir konzentrieren uns lange in Meditation, lassen unsere gewöhnliche Geschichte los, nehmen die Gestalt der Göttinnen und Götter an. Ich spüre es als Wärme und Klarheit vom inneren Körper her. Nun sehe ich die Shakti vor mir und verehre sie mit aller Inbrunst, zu der ich fähig bin. Ich sehe die Paare um mich herum, die alle in Buddhanatur vibrieren. Wir segnen die Speisen, den Wein, nehmen sie zu uns mit den Opferungsmantra. Jeder Bissen, jeder Schluck hallt aus unserem Inneren zurück. Die Zeit steht still. Wie schön, in diesen Augenblick zu tauchen!
Wir küssen uns leidenschaftlich, entzünden das erotische Feuer. Die Paare folgen uns darin. Der Raum verwandelt sich in einen Tempel sexueller Leidenschaft, und doch ist alles anders als in einem Swingerclub.  Nun tönt das Mantra der Vereinigung. Shiva ist bereit zur Vereinigung, sage ich meiner Shakti. Mein Lingam ist von Shiva-Bewusstsein ganz nach oben gerichtet und prall, sie setzt sich auf mich und umarmt  ihn freudig mit ihren Lustlippen.
Nach und nach sind alle Paare in Vereinigung. Sollte es im Verlauf des Rituals Schwierigkeiten mit der Erektion geben, sind die Paare drauf eingestellt, in weicher Vereinigung zu verharren oder im Yab-Yum-Sitz miteinander den Wellenatem zu feiern.
Die Erektion lange Zeit zu halten, ohne andererseits den Samen zu verlieren, ist eine Gratwanderung für die Männer.  Manche Tantriker nutzen dafür Aphrodisiaka wie Yohimbe, spezielle Penisringe oder gar Viagra.  Wir haben die Übung der „doppelten Schaukel“ lange geübt, die aus einer sexualtherapeutischen Ausbildung stammt und diesbezüglich Wunder wirkt.
Nach 45 Minuten tantrischer Vereinigung tauchen die meisten Menschen in einen anderen Raum ein. Sex wirkt dann wie eine sanfte Droge und führt uns in andere Dimensionen.  Wir bleiben die Leitung, sind noch etwas wacher als die anderen, geben hie und da eine Anweisung, gehen nicht ganz so tief in Trance.
Für die anderen gilt: je tiefer die Trance, umso wirkungsvoller das Ritual.
Ein Paar ist ganz still geworden, sie sitzen aufeinander und schauen einander liebevoll und tief in die Augen. Zwei andere werden von Ekstasewellen durchgeschüttelt und atmen laut und tief.
Wir nähern uns dem Ende der Vereinigung – mit einem Mantra wird die Kanalisierung eingeleitet. Jedes Paar hat sich seine Affirmation notiert – die sexuelle Energie wird jetzt mit aller Kraft auf dieses Ziel gerichtet, der Orgasmus dafür geopfert. Dann trennen wir uns, damit jeder und jede noch mal für sich allein die Kraft ausklingen lassen kann. Je fortgeschrittener die Leute, desto länger kann man die Abschlussmeditation machen. Wir sitzen gut eine halbe Stunde, jeder für sich. Das ist die Zeit, in der Kundalini aufsteigen kann, die Göttin ganz in uns erwacht. Hier gilt es aber auch, ganz wach und achtsam zu sein, weil nun auch die antierotischen Kräfte, die Dämonen, die Schuldgefühle, hochkommen können, die einem das Ritual vom Ende her noch versauen können. Innere Festigkeit und Klarheit ist jetzt gefragt.

Danach läute ich die Zeit des Feierns und Lachens ein. Man könnte auch sagen, unsere After-Work-Party. Während wir langsam wieder die eigene Gestalt annehmen, verteilen wir die Reste des Ritualessens unter uns. Beim Essen zeigt sich, wie das Ritual gewesen ist – heute war es großartig – eine konzentrierte, heitere Stille ist im Raum, die sich nach und nach im spontanen Singen und Tanzen äußert.
Nach der Auflösung des Schutzkreises und der Formel, um die gebannten Geister zu befrieden, bin ich noch lange wach und fühle mich eins mit dem umgebenden Raum. Wenn wir uns im Alltag auch immer wieder verlieren und vom tantrischen Geist entfernen, so weiß jeder von uns nach einem solchen Ritual wieder, worum es eigentlich geht.  Da ist Freude, die spontan den Raum flutet.

Geschrieben von admin

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2 Antworten zu "Tantra-Maithuna-Ritual"

  1. Reiner sagt:

    Ein wundervoller und ehrlicher Erfahrungsbericht!
    Endlich gelangt tantrische Energie in das Universum – ohne pornographisches Swingertum !
    Ich finde den Bericht nachfühlbar, ehrlich und rein … eben tantrisch !

    Bitte macht weiter … und nach Möglichkeit nicht nur innerhalb des ZEGG …. bitte!

    N A M A S T E

  2. admin sagt:

    Danke für die Rückmeldung,
    wir machen sicherlich weiter, und nicht nur im ZEGG!

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