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Tantrischer Umgang mit Abhängigkeit

Wie ich Tantra verstehe, ist es ein radikales Anti-Abhängigkeitsprogramm, vielleicht das radikalste überhaupt. Die Abhängigkeiten des Egos sollen nicht nur ausgeschaltet, sondern überwunden werden, gewissermaßen erledigt.

Daher erlaubt Tantra im Gegensatz zu Yoga/Vedanta, dem Christentum und dem Hinayana-Buddhismus ja auch die Sinnesfreude. Tantra erlaubt dir so viel Sinnesfreude, wie du aushalten kannst, ohne anzuhaften und abhängig zu werden. Du kannst den Sex genießen, Kaffee, Wein, intime Beziehung, das Internet oder den Arbeitsrausch. Aber NUR, solange du am nächsten Tag nicht anfängst, dich schlecht zu fühlen, weil du eins der obigen Dinge vermisst. Das ist der Punkt.
Yoga/Vedanta verbietet einen Großteil dieser Dinge, weil die Menschen nach ihrem Menschenbild ohnehin keine Chance haben, ihren Trieben „standzuhalten“. In erster Reihe natürlich den Sex (den C.G. Jung ja als „Wortführer der Triebe“ bezeichnet). Die ganze weltliche Welt ist wie der Alkohol für den Anonymen Alkoholiker: eine zu meidende Versuchung, die dich vom Pfad abbringt.
Für den Tantriker erscheint die Welt wie der Alkohol dem Gesunden: man gönnt sich ein Gläschen oder zwei, um daran Freude zu haben.

Deswegen wird ja in Insiderkreisen gesagt, Tantra sei der schwierigere Pfad.

Es reicht beileibe nicht, alles zu genießen und auszukosten. Oder gar über einen scheinbar tantrischen WEg in noch größere Abhängigkeiten zu kommen, wie die manchmal verbreitete neo-tantische Sexsucht. Oder die Seminar-Abhängigkeit 😉
Es gehört auch noch die enorme Disziplin dazu, die Freude zu genießen, ohne anzuhaften, ohne dass es den Willen schwächt und falsche Gewohnheiten hervorbringt. Ein echter Tantriker kann zwei Jahre ohne Sex glücklich sein, er könnte von jetzt auch gleich auf jede Droge verzichten und ist weder beziehungs- noch arbeitssüchtig. Wie man das macht? Dafür gibt es eben die tantrischen Methoden, z.B. die Umwandlung der Emotionen oder die Meditation, die Große Glückseligkeit hinter all den flüchtigen Freuden zu sehen und zu fühlen.

Bis du ein voll verwirklichter Tantriker bist, schlage ich vor, du übst dich in der Disziplin, alle Gewohnheiten mal durchzugehen und eine Weile darauf zu verzichten, also TEMPORÄRE ASKESE. Wenn du die Erfahrung machst, dass das gut geht, kannst du sie wieder aufnehmen. Wenn du merkst, du kannst da nicht einfach drauf verzichten, solltest du die „Askese“ vielleicht noch verlängern und anstreben, dich frei von den äußeren Dingen zu machen.
Drugpa Künleg, ein Tantriker und „Heiliger Narr“

Ein erleuchteter Tantriker ist von den Dingen in einem Ausmaß frei, dass er sie jederzeit nutzen kann. Er hätte daher keine Schwierigkeiten, in einem Palast zu logieren, kann aber jederzeit wieder das Bettelgewand überstreifen.
Sie kann jede Art von Sexualität tief genießen, kann aber mit Freude weiterziehen.
So braucht er/sie auch nicht die Mauern eines Klosters, sondern kann in einer Familie leben und weltichen Dingen nachgehen (an denen er/sie niemals haftet).
Die mittelalterlichen Tantriker Indiens und Tibets haben diese Kunst in einem Ausmaß beherrscht, die uns westlichen Menschen unwahrscheinlich vorkommt.

Liebe Grüße von
Silvio

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Veröffentlicht unter: Featured, Silvio

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