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Yoga, Tantra, Kundalini, 1. Teil

Die klassischen indischen Yoga-Lehren sind Wege zur Selbstverwiklichung und Transzendenz. Sie unterscheiden sich darin, welche Methoden und Wege sie empfehlen, und oft auch in der zugrunde liegenden Vorstellung der menschlichen und göttlichen Sphäre.
Im Jnana-Yoga etwa wird die Erleuchung durch klares Denken und Unterscheidungskraft in Verbindung mit Weltentsagung angetrebt. Im Bhakti-Yoga geht es um die leidenschaftliche Vereinigung mit dem, was man als göttlich erkannt hat, um Gott in der Person von Krishna, Shiva oder der Devi. Karma-Yoga ist der Weg des Handelns in der Welt, ein handeln, das Gutes und Moralisches in die Welt bringen soll, der Handelnde soll jedoch nicht an den Früchten seines Handelns haften: Gandhi z.B. wird als einer der größten Karma-Yogis gesehen.
Der schrittweise Pfad der Meditation im Sinne der berühmten Yoga-Sutras des Patanjali wird Raja-Yoga genannt: er stellt hohe Anforderungen an die Übenden.
Schließlich gibt es die tantrischen Formen des Yoga – den Hatha- und den Kundalini-Yoga. Hier wird die Befreiung durch die Besinnung auf die Energien des Körpers angestrebt. Laut den Tantra-Schriften haben wir alles, was wir brauchen, bereits mit der „Hardware“ mitbekommen. Wir müssen diese nur noch „aktivieren“, dann wird die Energie von selbst aufwachen und die nötigen geistigen Veränderungen verursachen, dass wir uns der tieferen Wirklichkeit bewusst werden und nicht mehr Illusionen hingegeben sind.

Die Erweckung der Kundalini-Kraft, der intelligenten und großartigen Lebensenergie in uns, scheint mir die Essenz aller tantrischen Praktiken zu sein, wie sie in den klassischen Schriften vermittelt werden. Die wichtigen Fragen, die immer wieder im Zusammenhang mit Kundalini gestellt werden, sind:

Kann ich die Kundalini erwecken?
Ist das überhaupt wünschenswert?
Welche Methoden sind die besten, die schnellsten und sichersten?

Aufgrund meiner Erfahrung und meines Wissens denke ich, dass kein Zweifel drüber bestehen kann, dass es diese Kundalini-Energie wirklich gibt. Ich habe vielfach Menschen durch diese Prozesse begleitet und war bei zwei vollständigen Erweckungen anwesend.
Allerdings finde ich den Stand der heutigen Kundalini-Forschung unbefriedigend. Die Modelle sind vorwissenschaftlich und von abergläubischen Ideen durchsetzt. Kein Mensch kann einem vernünftig erklären, was da vor sich geht, von einer systematischen Forschung des Auslöseprozesses ganz zu schweigen. Eines der wichtigen Ziele eines integralen Tantra wird sicherlich sein, den Prozess des Kundalini-Erweckens mit zeitgemäßen Methoden zu erforschen und zu beschreiben.

Bei Youtube gibts ein schönes Video: siehe hier

Traditionell gibt es folgende Möglichkeiten zur Erweckung: durch langes, exzessives Pranayama (yogische Atemtechnik), durch sytematische Meditation, durch Bhakti- oder Karma-Yoga (diese Wege sind sehr ungefährlich, dauern dafür aber auch lange).
In bestimmten Kreisen, etwa den Anhängern von Muktananda, gibt es die Auffassung, dass Kundalini nur durch einen Guru erweckt werden kann, dessen energie schon erweckt ist – nach dem Schwingungs- und Resonanzprinzip kann er die Schwingung auf den Schüler übertragen, allerdings nur, wenn dieser bereit dazu ist. Diesen Prozess nennt man Shaktipat.
Ein Weg, der durch Babaji aufgezeigt wurde, und aus virtuosen Kombinationen von Atem, Visualisation und Körperhaltungen gekennzeichnet ist, heißt Kriya-Yoga. Ich habe des öfteren gehört oder aus zweiter Hand erfahren, dass mit Hilfe dieses Yoga Kundalini langsam und ohne Nebenwirkungen erweckt werden kann.
Linkshändige Schulen kennen auch Wege der Erweckung durch Drogen (Im Original: durch Kräuter „aushaddhi“) und durch verschiedene Formen von Sexualität.
Verschiedene Kombinationen dieser Wege können unter fachkundiger kompetenter Leitung ebenfalls zum Erfolg führen.

Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Praxis, die Tummo heißt (auf Sanskrit Chandali) und „Erweckung des inneren Feuers“ bedeutet. Sie wird nur an Schüler des Tantra weitergegeben, die schon bestimmte Meditationsstufen gemeistert haben. In ihrer Essenz besteht sie aus einer Pranayama-Technik mit komplexer Visualisierung, die immer feiner und differenzierter wird. Vorbereitet wird man durch spezielle, sehr geheim gehaltene, Hatha-Yoga-Übungen. Von den Meistern wird gesagt, dass eine kontinuierliche Praxis dieser Übung mit großer Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führt.

Meinen bisherigen Beobachtungen zufolge braucht Kundalini, um sich entfalten zu können, einige Bedingungen:
1. Der Aspirant muss es wollen und die nötige Reife haben (sonst wird sie sich nach einer kurzen Episode wieder zurückziehen), die Bereitschaft im Inneren sollte da sein.
2. Sein Umfeld und sein Charakter sollte ausreichend geklärt sein.
3. Meist erwischt es Menschen mit starken innerseelischen Spannungen oder hoher körperlicher Energie, vor allem sexueller (was offenbar die nötige Energie für den Prozess einbringt)
4. Eine Art von „Gottvertrauen“ muss da sein, im Sinne von: „ich ergebe mich meinem Schicksal, möge mit mir geschehen, was richtig ist“. Es geht um das Abgeben der Kontrolle, des Selber-Machen-Wollens.
5. In manchen indischen Büchern steht, man sollte sexuell enthaltsam sein sowie Vegetarier. Das ist meiner Erfahrung nach schlichtweg falsch. Dass es sinnvoll ist, sein sexuelles Verlangen im Griff zu haben und nicht jeder Sehnsucht nachzugehen, halte ich hingegen für richtig.

Alles Liebe Silvio

to be continued

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4 Antworten zu "Yoga, Tantra, Kundalini, 1. Teil"

  1. Craig sagt:

    Lieber Silvio

    Da du schon bei einigen Erweckungen der Kundalini-Energie dabei warst, kannst du uns bitte auch erklären, wie dieses Erlebnis der oben-genannten Transzendenz dient?

    Meiner Erfahrung nach dienen solche Darstellungen, wie in dem verlinkten YouTube-Video, nur dazu, dass Menschen noch mehr Anhaftungen entwickeln (hier an spektakulären Erlebnissen). Und Anhaftungen jeglicher Art sind nur Hindernisse auf dem Pfad des Transzendenz.

    Danke in voraus.

  2. Silvio sagt:

    Lieber Craig,

    Wie ich es erfahren habe, ist der Durchbruch der Kundalini ein ziemlich dramatischer Prozess und führt dazu, dass das „Ego“ im klaissischen Sinne sich auflöst, sprich nicht mehr da ist, während die ganzen „Programme“, z.B. Hygiene, Essen usw. nach und nach wieder „hochfahren“.
    Die Erlebnisse von Glück und Ekstase sind Phänomene des Erwachens, wie sie auch andere Traditionen bestätigen können. Ist das Ich nicht mehr da, ist „bliss“, was übrig bleibt. Mit dem Kundalini-Weg ist es eben andersrum. Bei so viel Bliss meldet sich das Ich dann eben ab.
    Aber möglicherweise hast du recht, und das You-Tube-Video fördert eine neue Anhaftung. Mein buddhistischer Lehrer hat dazu jedoch gesagt: die gierige Anhaftung ans Erwachen kann bei richtiger Unterweisung zu schneller Befreiung führen. Das ist der tantrische Ansatz.
    Mein Kundalini-Lehrer Edgar OWK Hofer (www.owk.eu) sagt immer, dass die Kundalini eh nur kommt, wenn man keine Lust mehr auf Methoden hat und von dem ganzen Üben loslässt. Vorher sollte man aber viel geübt haben und den starken Wunsch nach Befreiung gehabt haben! Na ja, zu dem Kundalini-Paradoxon lässt sich viel sagen!

    Lieber Gruß Silvio

  3. Craig sagt:

    Lieber Silvio

    Danke für die ausführliche Antwort.

    Wie unterscheidet man das echte Fehlen bzw. Ausschalten des ‚Ichs‘ (ego) von einer Erfahrung, bei der man das Ich nicht mehr spürt obwohl es noch da ist.

    Ein Beispiel: Wenn ich umfalle und einen Schmerz im Knie habe, kann ich durch heftiges Reiben des Knies bzw. Beines diesen Schmerz in den Hintergrund verbannen, weil das Reiben ein intensiveres Gefühl verursacht. Der Schmerz ist nocht dergleiche, ich merke den aber nicht mehr.

    Wenn ich intensive Glückseligkeit bzw. ‚Bliss‘ erfahre, ist es evtl. so intensiv, dass ich mein ‚Ich‘ nicht mehr spüre. Das heisst aber lange nicht, dass ich das Ich irgendwie ausgeschaltet habe.

    Obwohl auch diese Erfahrung der (nur scheinbaren) ‚Ich-losigkeit‘ dem Suchenden hilfreich bzw. lehrreich sein kann, nach dem Ende der Erfahrung ist sein Ich das gleiche wie vorher, oder?

    Wenn man aber durch evtl. jahrelanges Üben das Ich tatsächlich zeitweilig ausschalten kann, womit das ‚Bliss‘ eintreten kann, muss dies m.E. zu einer nachhaltigeren Wirkung führen.

    Lieber Gruß von einem Neugierigen

    Craig

  4. Silvio sagt:

    Lieber Craig,

    na du scheinst es ja genau wissen zu wollen!
    Meiner Meinung nach passiert bei der Kundalini-Erfahrung wirklich etwas anderes als dass man das Ego vor lauter Freude nicht mehr spürt.
    Ich war zweimal dabei. Der entsprechende Mensch hatte in den nächsten Tagen nach dem Ereignis wirklich gar keinen Eigenwillen mehr. Wenn du ihn/sioe fragtest: willst du was essen, hast du keine vernünftige Antwort gekriegt. Da musste man schon sagen: ich will, dass du jetzt von diesem Brot isst, dann hat er vielleicht was gegessen.
    Nach einigen Monaten kriegt man es dann hin, wieder eine einigermaßen konsistent wirkende Person nach außen zu simulieren.
    Meine Freundin, Schülerin und Lehrerin V. hat es mal sinngemäß so ausgedrückt: Vorher war die Persönlichkeit wie ein dreidimensionales Puzzle. Das ist dann in Bestandteile zerbrochen. Diese Bestandteile sind noch alle da, z.B. kann ich mir eine Telefonnummer merken. Aber ihre Verbindung besteht nicht mehr, also ein bestimmtes Ereignis ist nicht mehr mit „Angst“ gekoppelt. Ich kann mir das jetzt neu zusammensetzen, aber alles Problematische draußenlassen.
    Bei ihr hat sich einiges geändert. Die früheren Ängste, Neurosen, sozialen Hemmungen sind in einem Ausmaß verschwunden, dass man nur staunen kann.

    Lieber Gruß
    Silvio

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